DiM Interaktive Bildschirmexperimente



Dokumentation

Physik studieren per Internet
Frank Schweickert, Daniel Roth, Martin Menzel
und Hansjörg Jodl

Die Universität Kaiserslautern bietet die Einführungsvorlesungen des Hauptfachstudiums Physik auch als Fernstudium an... Multimediale Lehr- und Lernformen und der Einsatz des Internets eröffnen ... neue Gestaltungsmöglichkeiten für das Studium physikalischer Phänomene. ...
FiPS hat dabei keineswegs zum Ziel, den Präsenzstudiengang entbehrlich zu machen, sondern möchte einen Beitrag zur künftigen Physiklehre an Hochschulen leisten. Denn diese wird - nicht nur unserer Einschätzung nach - mit Sicherheit auch multimediale Fernstudienelemente in noch näher zu bestimmender Weise einbeziehen...

Multimediaeinsatz

... Fernstudenten, die sorgfältig produzierte Videofilme auf CD-ROM erhalten, die sie nach Belieben auch anhalten und erneut abspielen können, scheinen zumindest bezüglich der Demonstrationsexperimente nicht unbedingt im Nachteil zu sein gegenüber Präsenzstudenten, die solche Versuche auf einem großen Videoschirm in der letzten Reihe eines großen Hörsaals verfolgen.
FiPS-Studenten erhalten hierzu auch interaktive, photorealistische Bildschirmexperimente (IBEs), die an der Technischen Hochschule Berlin gefertigt werden. Dabei wird das reale Experiment in sehr vielen Einzelphasen fotografiert und die Aufnahmen mit einer Multimedia-Autorensoftware so aufbereitet, dass sich der Versuch scheinbar mit dem Mauszeiger bedienen und durchführen lässt. Diese Technik ist besonders dort sinnvoll, wo es auf die naturgetreue Wiedergabe eines Phänomens ankommt, das in seiner charakteristischen Art oder in seiner subjektiven Wirkung nicht in einer Computeranimation darstellbar ist. IBEs dokumentieren authentische Experimente und bieten somit auch dem Fernstudium ein Element induktiver Naturbeschreibung.
Ein ganz anderes Thema sind Praktikumsexperimente. Sie bieten den Studierenden nach wie vor die unersetzliche Gelegenheit, physikalischen Realitätssinn zu erwerben. Nach Aussagen von Praktikumsbetreuern stellen die Teilnehmer jedoch nach multimedialen Vorübungen, z.B. mit einem computersimulierten Oszilloskop, regelmäßig überlegtere und zielstrebigere Fragen zu den durchzuführenden Versuchen. Daher besteht die Hoffnung, dass multimediale Fernstudientechniken auch die Praktikumsvorbereitung wirksam unterstützen können.


Beispiel

Ein einfaches IBE (Deutsches Museum München/TU Berlin) zeigt ein Fadenstrahlrohr mit einer Ausschnittsvergrößerung rechts im Bild. Durch horizontale Mausbewegung lässt sich das angezeigte Magnetfeld der Helmholtz-Spulen variieren und die Ablenkung des Elektronenstrahls beobachten.
Eine Übungsaufgabe besteht darin, das für eine hier nicht mehr einstellbare Bahnkrümmung erforderliche Magnetfeld zu errechnen. Dazu kann man zunächst den Radius einer beliebigen Bahn geometrisch bestimmen und mit dem zugehörigen Feld die konstante Beschleunigungsspannung errechnen. Die gefundene mathematische Beziehung zwischen Feld und Radius lässt sich anhand anderer Einstellungen experimentell überprüfen und schließlich gemäß der Aufgabenstellung extrapolieren.

Ausblick

... Die multimediale, netzbasierte Physiklehre findet neue Einsatzfelder, die vom klassischen Fernstudium bisher kaum berührt wurden:
  • Spezialvorlesungen für Haupt- und Nebenfachstudenten anderer Universitäten...
  • Multimediale Fernstudientechniken in der Präsenzlehre der eigenen Universität. Es treten Mischformen von Präsenz- und Fernlehre an die Stelle des traditionellen Schemas Vorlesung plus Übungen. Ein Beispiel ist Just in Time Teaching (JiTT), bei dem die Präsenzveranstaltungen auf Webrückmeldungen der Studierenden eingehen.
  • Lehrerfortbildungen, für die zwei verschiedene Studieninhalte denkbar sind:
    1. die fachliche Auffrischung in Physik
    2. Anleitungen zum didaktisch-methodischen Einsatz von Multimediaelementen im Physikunterricht.
  • hochbegabte Schüler der gymnasialen Oberstufe, die durch ausgewählte Fernstudienmaterialien der universitären Physiklehre gezielt gefördert werden können.
Damit entschärft sich auch die Frage, ob ein volles Fernstudium der Physik bis zum Diplom aus Sicht der Physiker und Physikerinnen überhaupt wünschenswert sei. Denn wo angesichts neuer technischer Möglichkeiten die Grenzen zwischen Fern- und Präsenzlehre verschwimmen, da entstehen gänzlich neue Lehr- und Lernformen an den Universitäten. Über deren Ausgestaltung sollte sich die Physikgemeinde allerdings intensiv Gedanken machen, wobei natürlich immer zuerst Inhalte und Ziele erwogen werden sollten, bevor man sich über die Form streitet. FiPS liefert seinen Beitrag zu dieser Diskussion und ist umgekehrt dankbar für Anregungen, Kritik oder interessierte Anfragen. Auf der FiPS-Internetseite liegen weitere Informationen zu den Themen Multimedia und Fernbetreuung in der Physiklehre bereit.

Auszugsweise Wiedergabe des Beitrags mit freundlicher Genehmigung des Verlages Wiley-VCH
aus: Physikalische Blätter 56 (2000) Nr.11 S. 63.